Liebe Leser*innen,

gespannt schauen wir heute, wie so viele andere, in die USA – mal wieder.

Denn eigentlich ist die Amtseinführung eines neuen Präsidenten normalerweise mit vielen Feierlichkeiten verbunden. Doch zum Feiern scheint dieses Mal niemandem zumute. Dieses Jahr ist vieles anders: Corona und die angespannte Lage vor Ort bestimmen diese Amtseinführung.

Erlauben wir uns zunächst einen kurzen Rückblick: USA, 20. Januar 2009. Gefühlt ist es schon eine Ewigkeit her, da die Welt eine ganz andere war. Eine Corona-Pandemie war nur in einem Hollywood-Drehbuch vorstellbar und Social Media galt noch als heile Welt, in der man seine Freunde digital treffen kann. Der Tag wird als historisch gefeiert, da in der„mächtigsten Nation der Welt“ mit Barack Obama zum ersten Mal ein schwarzer Präsident das höchste Amt angetreten hat.

Dieses Mal wird bei der Amtseinführung einiges anders sein. Und da ist die Corona-bedingt fehlende jubelnde Menge am Washington Monument noch der „kleinste“ Unterschied.

Denn zwölf Jahre später gibt es wegen des Angriffs auf das Kapitol am 6. Januar 2021 verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. In Vorbereitung auf die Einführung Joe Bidens wurde das Zentrum Washingtons rund um das Kapitol und das Weiße Haus weiträumig abgesperrt. Wegen eines möglichen Biden-Anschlags hat das FBI alle 25.000 Mitglieder der Nationalgarde überprüft, die zusätzlich zur Polizei für Sicherheit sorgen sollen. Das Horror-Szenario: ein Angriff aus den eigenen Reihen, ein sogenannter Inside-Job. Darüber hinaus werden Ausschreitungen im ganzen Land erwartet.

Klar ist, dass das Klima der Angst, welches sich dort zusammengebraut hat, nicht erst seit dem 6. Januar existiert. Es ist vielmehr eine direkte Folge von vier Jahren Präsidentschaft Donald Trumps: Einreise-Verbote für Muslime, Pläne zum Bau einer Grenz-Mauer zu Mexiko, Neonazi-Demos u.a. in Charlottesville und die Gewalt nach der Ermordung von George Floyd prägten diese Zeit. Das alles zeigt, wie sehr Rassismus und Diskriminierung Einzug in die gesellschaftliche Mitte gefunden haben. Angeführt von einem Populisten, der mithilfe von Twitter und Co. Falschinformationen, Schmähungen und tausende Lügen ungehindert verbreiten konnte. Echt Sorgen und Nöte verloren für Trumps Populismus immer mehr an politischer Bedeutung. Stattdessen wurde der Präsident selbst zum Zentrum eines politisches Kultes. Eine gefährliche Entwicklung, welche die zunehmende Spaltung der USA vorantrieb und Raum für die Etablierung Verschwörungsmythen und Gewalt bot.

Wer sehen möchte, wie eine gefestigte Demokratie ins Autokratische abdriften und schließlich zerbrechen kann, muss also nicht mehr in die Geschichte zurückblicken. Trumps Präsidentschaft hat das eindrücklich gezeigt. Der scheidende Präsident wird nach eigenen Angaben übrigens nicht an der Zeremonie teilnehmen. Er wirft seinem Nachfolger nach wie vor Wahlbetrug vor, obwohl keine seiner zahlreichen Klagen vor Gericht inklusive dem Obersten Gerichtshof standhalten konnten.

Heute wird es also keine Amtseinführung wie jede andere geben. Sollte der Tag allerdings wie geplant vonstattengehen, können wir einiges in ersten Tage des neuen Präsidenten erwarten. Joe Biden kündigte an, einige Trump-Entscheidungen schnellstmöglich revidieren zu wollen. Bereits am ersten Tag möchte er den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen rückgängig machen und den Einreisestopp für Bürger aus muslimisch geprägten Ländern aufheben. Außerdem sollen zeitnah Hilfen für von der Pandemie besonders betroffene Amerikaner eingerichtet werden.

Wir sind gespannt, wie diese besondere Amtseinführung heute Abend und die ersten Arbeitstage des neuen Präsidenten ablaufen werden und wollen auch weiterhin die aktuellen politischen Ereignisse für euch beobachten. Morgen gibt es dann Teil 2 zur Amtseinführung in den USA!